{"id":816,"date":"2015-12-28T00:15:48","date_gmt":"2015-12-27T23:15:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.krombusch.de\/?p=816"},"modified":"2021-11-01T12:36:21","modified_gmt":"2021-11-01T11:36:21","slug":"am-am-ende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.krombusch.de\/?p=816","title":{"rendered":"AM am Ende"},"content":{"rendered":"<p>Am 31.12. sagt die Mittelwelle zu Deutschland gute Nacht.<br \/>\nEin paar Erinnerungen bleiben. Unser altes K\u00fcchenradio war fast so gro\u00df wie wie ein Aktenkoffer, ca. dreimal so breit und f\u00fcnfmal so schwer. Sein enormes Gewicht war nicht nur den metallenen Innereien geschuldet, von denen immer mehr durch permanenten Transport in Garten oder Kinderzimmer ihren urspr\u00fcnglichen Platz verlie\u00dfen und vernehmlich durch das Labyrinth an Schaltungen und R\u00f6hren kullerten. Jede Achsverschiebung in der Wagerechten erinnerte an das Ger\u00e4usch einer Flipperkugel, die sich durch allerlei Schellen und Hindernisse den Weg abw\u00e4rts bahnt. Es war und bleibt ein physikalisches Ph\u00e4nomen, dass sich bei alten Radios durch zunehmende Entropie im Inneren kein \u00e4u\u00dferer Funktions-, oder Klangverlust einstellt.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nUm unser Ger\u00e4t hatte sich durch den K\u00fcchendunst eine mehrere Milimeter dicke Fettschicht gebildet, die seine Innereien, wir erkennen das mit zunehmendem Alter an unseren B\u00e4uchen, vor St\u00f6\u00dfen, Wind oder Feuchtigkeit sch\u00fctzte. So fuhr das alte Nordmende-Radio mit an die holl\u00e4ndische Nordsee. Dort \u00fcbertrug es, Sandwirbeln, Gischtspritzern und aufgeblasenen Gummib\u00e4llen trotzend, best\u00fcckt mit einer Myriade Batterien die Stimmen des heimischen WDR. Mit \u201een Zeidung us d&#8217;r Heimat un et Radio im Sand\u201c identifizierten die Bl\u00e4ck F\u00f6\u00f6ss Ende der 70er Jahre diese urdeutschen Urlaubereigenschaft.<br \/>\nDer Senderempfang war technisch nur \u00fcber die Mittelwellensender m\u00f6glich, die bei Tag durch ihre hohe Sendeleistung mehrere hundert Kilometer weit reichten. Da der Hersteller unseres Ger\u00e4tes zum Umschalten des Frequenzbandes zwar einen deutlichen Schiebeschalter \u201eKW\/UKW\/MW\/LW\u201c vorsah, die Skalen aller B\u00e4nder jedoch alle optisch \u00fcbereinander quetschte, musste man seinen Lieblingssender sowieso nach Geh\u00f6r suchen. Akustisch unterschied sich die Klangqualit\u00e4t der MW in unserem Radio auch nicht wesentlich von UKW, das Wort \u201eHiFi\u201c hatte zum Zeitpunkt der Fertigung noch keiner erfunden.<br \/>\nPrinzipiell st\u00f6rt mich die Qualit\u00e4t heute auch nicht so, wenn es um das gesprochene Wort im Radio geht. Bei Musik schon eher. Aber daf\u00fcr war die Mittelwelle, zumindest in ihren sp\u00e4ten Jahren, ja auch nicht gemacht.<br \/>\nUmso interessanter die Vorstellung, dass sich zum dem Beginn des \u201eUnterhaltungsrundfunks\u201c im Jahr 1923 die Familie, sofern als Rundfunkh\u00f6rer registriert, um den heimischen Holzkasten setzte, um bei dieser und noch schlechterer Qualit\u00e4t dem Sonntagskonzert zu lauschen. Konzerte, wohlgemerkt, entwickeln den gr\u00f6\u00dften wahrscheinlich akustischen Dynamikumfang, der in ein vollkomen unzureichend schmales Frequenzspektrum gequetscht wurde.<br \/>\nVielleicht ist das eine zu moderne Sichtweise, aber machte nicht gerade die technische Unvollkommenheit, der \u201eKlang-Charakter\u201c, das Spezielle, ja Sinnliche an der alten Mittelwelle aus? Und man denke an die wundersch\u00f6nen (und das ist nicht ironisch gemeint), an die wundersch\u00f6nen Radio-M\u00f6bel, Schr\u00e4nke, Truhen. Ich habe gef\u00fchlt schon Stunden vor diesen Sch\u00e4tzen in den Radiomuseen Dormagen und Duisburg verbracht. Was machen die ehrenamtlichen Betreiber jetzt eigentlich nach dem 01.01.2016, wo sie zuvor sie zum Besucher sagen konnten: \u201eKomm, ich schalte jetzt den Sender K\u00f6nigsberg ein.\u201c (Pfeiiffff, piieep \u2026 war in Wahrheit der Deutschlandfunk, Qualit\u00e4t aber \u00e4hnlich).<br \/>\nAus dem Projekt, dass sich jeder Deutsche ein Auto f\u00fcr 1000 Mark kaufen konnte, ist in Nazideutschland nichts geworden. Anders als aus dem des billigen Radios (auch \u00e4u\u00dferlich) f\u00fcr jedermann, dem nach dem Datum der Machtergreifung als Volksempf\u00e4nger VE301 bezeichneten Holzkasten. Ich denke, es hat schon eine gro\u00dfe Rolle bei der Indoktrinierung gespielt, dass die Reden im Radio \u00fcber Mittel- und Langwelle mit relativ guter, klarer, naher Stimme \u00fcbertragen werden konnten. Wobei auf der anderen Seite sicherlich viele Menschen des Abends in der (verdunkelten) Stube am Radioknopf weitergedreht haben, bis sie die Deutschlandsender der BBC drin hatten. Kampf um die K\u00f6pfe.<br \/>\nDirekt nach dem Krieg gab es f\u00fcr Deutschland weder eigene Radiosender (dazu waren die Sendemasten von der eigenen Truppen gesprengt worden) noch erlaubte Empfangsger\u00e4te, so dass Pionier Max Grundig seine Radios zun\u00e4chst nur als Bausatz verkaufte. Aber die Mittelwelle lebte weiter. Auf ihr \u00fcbertrug der NWDR die wohl ber\u00fchmteste aller Sportreportagen, das Endspiel der Fu\u00dfballweltmeisterschaft in Bern 1954. \u00dcbrigens in einer wesentlich besseren Qualit\u00e4t als das Viertelfinale der WM 1962 in Chile, f\u00fcr dessen \u00dcbertragung nach Europa erstmal drei Kurzwellensender \u00fcber die Anden eingesetzt werden mussten.<br \/>\nZu dieser Zeit setzte sich aber schon der fl\u00e4chendeckende Siegeszug der Ultrakurzwelle ein. Eigentlich, so ein Fetaurebeitrag von Dradio, als als Ersatzmedium, weil man im Gegensatz zur DDR nicht so starke Sender betreiben durfte. Dazu ein interessantes Detail: Wir sind schon zweimal den Elbradweg gefahren. Der beginnt im s\u00e4chsischen Elbsandsteingebirge. Man f\u00e4hrt fast bis Dresden zwischen den Bergh\u00e4ngen beidseits des Flusses. Da gibt es weder Radio noch kein Mobilfunk. Das sog. Tal der Ahnungslosen. Einige Anwohner haben sich selbst gebastelte, bestimmt 20 Meter hohe Antennen vors Haus gestellt. Die stehen heute noch da. Und damit konnte man, tada, den Mittelwellenfunk aus Westdeutschland empfangen. Zumindest tags\u00fcber, weshalb der Deutschlandfunk sein politisches Programm in die Zeit vor 18 Uhr legte.<br \/>\nNun hatte ich aufgrund meines Alters weniger Mittelwelle DDR oder Mittelwellen-Piratensendern aus Holland geh\u00f6rt. Selbst Radio Luxemburg geh\u00f6rte nicht zum prim\u00e4ren Programm-Speiseplan. Allerdings habe ich mir noch im Jahr 2008 ein mobiles Mittelwellenradio gekauft. Bekloppt was? Ausl\u00f6ser war die Einf\u00fchrung des Toppspiels der Bundesliga am Samstag, dass ich erstens gerne unterwegs und zweitens aus Tradition immer am Radio verfolgen wollte.\u00a0 Die Infosender der ARD (WDR Event, NDR Info usw) \u00fcbertrugen diese Spielen zu Beginn vollst\u00e4ndig auf unterschiedlichen Wegen. Digitalradio war damals aber viel zu teuer und keinesfalls mobil, Internet (also 3G) in dieser Stream-Gr\u00f6\u00dfenordnung auch undenkbar.<br \/>\nIch habe mir zwar zwischenzeitlich, als DAB+ bei uns in K\u00f6ln einigerma\u00dfen gut verf\u00fcgbar war, f\u00fcr 60 Euro so ein mobiles NoName-Plastikteil geholt. Klangqualitativ hat mich das neue Digitalradio ehrlich gesagt nicht \u00fcberzeugt: Merkw\u00fcrdige Senderauswahl und (wahrscheinlich per HE-AAC auf 32kbit oder 24kbit) runterkomprimierter Stream, Aussetzer und nervend langer Neuaufbau. Heute klappt\u2019s mit Internet und gr\u00f6\u00dferem Datenpaket besser, aber eben auch nur digital: Wo kein Signal ist, da setzt es aus. Auf analoger Mittelwelle, die auf meiner Joggingstrecke st\u00e4ndig (mit Zwischenschritten!) zwischen 774 Khz Bonn Venusberg und 720 Khz Sender Langenberg gewechselt werden wollte, hat es in solchen F\u00e4llen nur etwas mehr gerauscht. Manchmal kam, durch die Signal\u00fcberlagerung auf AM in der Nacht, auch ein Italinier rein, aber wir sind ja weltoffen in K\u00f6ln.<br \/>\nDoch Spa\u00df beiseite: Die Pendler im Ausland oder die Schiffe auf See haben jetzt keine so guten Karten mehr. Ich wei\u00df nicht genau, ob man das alles per Satelitenverbindung abfangen kann. Oder wie k\u00f6nnen Einsatzkr\u00e4fte den Kontakt mit der Bev\u00f6lkerung bei einer Katastrophe mit digitalem Blackout aufrecht erhalten? Naja, wahrscheinlich sowieso nicht mehr \u00fcber die alten R\u00f6hrenradios.<br \/>\nJetzt schaltet er bald seine Mittelwellenmasten ab, der brauche Turm mit dem leuchtenden Dreickeck auf dem Dach, den ich jeden Tag auf meinem Weg am Rhein in Radertal sehe. Dem Stromverbrauch kommt\u2019s definitiv zugute. Aber irgendwie war der Sound auch sexy.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 31.12. sagt die Mittelwelle zu Deutschland gute Nacht. Ein paar Erinnerungen bleiben. 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