{"id":802,"date":"2015-12-24T23:46:14","date_gmt":"2015-12-24T22:46:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.krombusch.de\/?p=802"},"modified":"2021-11-01T12:36:21","modified_gmt":"2021-11-01T11:36:21","slug":"weihnachten-vor-75-jahren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.krombusch.de\/?p=802","title":{"rendered":"Weihnachten vor 75 Jahren"},"content":{"rendered":"<p>Frohes Fest! Unser aller \u201eZeitzeichen\u201c geh\u00f6rt zweifellos zu den besten Radioformaten Deutschlands. In der heutigen Weihnachtsfolge erinnert uns der WDR an die erste von vier Weihnachtsringsendungen vor 75 Jahren. Eine fr\u00fche Form der Konferenzschaltung zu Kriegszeiten. <a href=\"http:\/\/www.wdr5.de\/sendungen\/zeitzeichen\/weihnachtsringsendung-rundfunk-104.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.wdr5.de\/sendungen\/zeitzeichen\/weihnachtsringsendung-rundfunk-104.html<\/a><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Ein medial omnipr\u00e4senter, aber in diesem Beitrag hervorragend aufgelegter S\u00f6nke Neitzel r\u00fcckt als Experte die einzelnen Tonausschnitte der Ringsendung gekonnt in den geschichtlichen Kontext. Im Gegensatz dazu f\u00fchren die beiden WDR-Sprecher eine Art journalistisches Kollegengespr\u00e4ch, in dem sie die Regieanweisungen der damaligen Progagandaf\u00fchrung fast schon nervt\u00f6tend \u00fcberironisieren. Man hat ja einen Bildungsauftrag, und wenn was aus dem Jahrgang 1933-1945 auf die Ohren kommt, muss man nat\u00fcrlich den mahnenden Zeigefinger mit reinbohren. H\u00e4tte es aber nicht gebraucht, weil Prof. Neitzel zum Schluss selbst die Gefahr der Medienbeeinflussung sehr plakativ darstellt. Vielleicht w\u00e4ren Zeitzeugen oder O-T\u00f6ne aus der Konserve die bessere Variante gewesen. Oder ein einordnendes Wort zur damaligen Alleinstellung des Front und Heimat verbindenden Mediums Radios. Klammern wir die Feldpost als stark asynchrones Element einmal aus, das zwar pers\u00f6nlichste Worte, diese aber nicht in Form der vertrauten menschlichen Stimme transportieren kann.<\/p>\n<p>Doch war die erste Weihnachtsringsendung, wirklich nur ein Zusammenkleben von vorproduziertem Weihnachtskitsch? Nicht ganz. Die Sendung hat zwar, auch Wikipedia wird nicht m\u00fcde, das zu betonen, einen deutlichen Propaganda-Auftrag (Verbundenheit, Wir sind eine Familie, Gro\u00dfdeutschland wacht \u00fcber euch usw.), ist aber bis auf den im r-rollenden Sprachduktus seinem F\u00fchrer sehr zugewandten Moderator (wird zum Gl\u00fcck nur am Anfang und am Ende der Sendung ans Mikrofon gelassen) ein gro\u00dfartiges Tondokument deutscher Radiogeschichte.<br \/>\nWeil man zwischen den ganzen Fernschreiber-Texten, die einfache Soldaten auf Zuruf m\u00f6glichst frei vortragen sollen, nicht nur im jeweiligen Dialekt des Einzelnen wunderbar authentische Elemente findet. Hier spricht, zumindest in den nicht abgelesenen Passagen, ein einfacher Jedermann. Von zuhause oder aus dem Feld. Der keine politische Botschaft hat, der nicht monologisiert, schwadroniert, der den anderen nicht von irgendeiner Sache \u00fcberzeugen will. Nat\u00fcrlich sind die Texte in ihrer Grundform zenziert: Selbst das kleine &#8222;Goldkind B\u00e4rbelchen&#8220;, das ans Mikrofon gehoben werden muss, darf den Papi nicht fragen, wann er endlich wieder nach Hause kommt.<br \/>\nAber achte man einmal auf den Sprecher vom Feldberg aus dem Schwarzwald zwischen Minute 16 und 18. Das ist schlicht die perfekte Reportage. Das jeweils einleitende &#8222;Achtung! Achtung! Wir rufen &#8230; \/ Hier spricht&#8220; ist kein milit\u00e4risches, sondern typisches Radioelement der Zeit. Der Rundfunk im Voxhaus 1923 begann ebenso. Auch sonst weicht die Weihnachtssendung\u00a0 trotz v\u00f6lkisch-territorial orientierten Passagen und einem, am Sprachstil der Wochenschau orientierten Reporter, im Gro\u00dfen und Ganzen wohltuend vom \u00fcblichen Gebell aus der G\u00f6bbelsschnauze ab, vor allem durch die Interaktion der Sprecher, durch Ortwechsel und sogar Interviewelemente, was teilweise schon an ein H\u00f6rspiel erinnert. Auf der anderen Seite schwappt sie nicht so weichgesp\u00fclt wie das Wunschkonzert aus dem \u00c4ther.<br \/>\nAch, wo gerade die Musik spielt: Die Weihnachtslieder zwischen den Schaltungen werden in ihrer urspr\u00fcnglichen Form, d.h. mit Originaltext \u00fcbertragen! Unter allem Rauschen noch gut zu h\u00f6ren in \u201eEs ist ein Ros entsprungen \u2026 aus Jesse (alttestamentarischer K\u00f6nig David) kam die Art\u201c. Oder, Minute 55, ein \u201eder Engel Halleluja\u201c in Stille Nacht, selbst in der Schlussfassung der Ringsendung 1942 trotz Umdichtung und Verbot noch so vorgetragen. Die Nazis hatten es anscheinend nicht geschafft, eines der innigsten christlichen Fest umzudeuten. Oder sagte man wirklich \u201eLichterb\u00e4ume\u201c, zu deren Entz\u00fcdung Herr Pl\u00fccker am Ende aufruft? Wenigstens versuchten die Macher, das als O-Ton eingesetzte Glockengel\u00e4ut (ruft selbiges nicht bekannterma\u00dfen zur christlichen Messe?) nur aus Garnisionskirchen oder neutralen T\u00fcrmen erschallen zu lassen.<br \/>\nEin letzter Aspekt, im Beitrag des WDR auch nicht erw\u00e4hnt, w\u00e4re die gerade zu Beginn der Sendung fast schon inflation\u00e4re Heimatmetapher. Die Soldaten sollten k\u00e4mpfen, nicht in die Heimat zur\u00fcck wollen. Vielleicht zu diesem fr\u00fchen Kriegszeitpunkt noch nicht so streng gehandhabt? Aber m\u00fcsste sich ein wegen Wehrkraftzersetzung verbotener Willi Ostermann \u201e\u2026 m\u00f6cht ich direkt op Heim anschwenke\u2026\u201c bei den ersten Liedern der Ringsendung nicht im Grabe umdrehen?<br \/>\nOb sie nun vollst\u00e4ndig live war, oder ob die Kurzwellenbeitr\u00e4ge vom Zerst\u00f6rer oder aus dem Flugzeug vorproduziert \u00fcber Schallplatte eingespielt wurden: Authentisch war die Sendung im Gegensatz zur Ringsendung von 1942 schon (auch Neitzel ist davon \u00fcberzeugt.) Technisch lie\u00df sich sowas ohne weiteres machen, wie die <a href=\"http:\/\/1936.dra.de\/index.php?id=144\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00dcbertragung der Olympischen Spiele 1936<\/a> gezeigt hatte. Und was Feldpostbriefe aus dem deutschen Tagebucharchiv zeigen: Schon zur ersten Kriegsweihnacht 1914 verband man per telefonischer Fernschaltung Unterst\u00e4nde und Sch\u00fctzengr\u00e4ben zum gemeinsamen Singen von &#8222;Stille Nacht, Heilige Nacht&#8220;.<br \/>\nUns ist mit der Weihnachtsringsendung 1940 eine f\u00fcr die damalige Zeit qualitativ sehr gute Aufnahme erhalten. Mit Vorsicht zu genie\u00dfen, gerade auf vollen Magen. Mit kleinen technischen Fehlern, aber einem interessanten akustischen Verortungsmittel. Vor 75 Jahren in Deutschland \u00fcber die Mittelwelle zu empfangen, die in 7 Tagen, am 31.12.2015 endg\u00fcltig aus diesem Land scheidet. Die erste Ringsendung steht f\u00fcr aufgekl\u00e4rte H\u00f6rern im Internet aber noch l\u00e4nger online. <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Ed_CMdwyo2o\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Ed_CMdwyo2o<\/a><\/p>\n<p><em>\u201eIch bin das Radio. Die Stimme. Ein Sch\u00f6pfung aus Holz, Stahl, Funkwellen, R\u00f6hren, Fleisch und Blut. Von morgens bis abends spreche ich zu dir mit Musik, Ger\u00e4uschen und Stimmen. Ich komme mit dem Wind, bin Begleiter von Sonne und Gewitter \u2026 Ich spreche mit vielen Stimmen.\u201c<\/em><br \/>\n<em> Orson Welles<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.krombusch.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/radiomuseum-duisburg.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-806\" src=\"https:\/\/www.krombusch.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/radiomuseum-duisburg.jpg\" alt=\"radiomuseum-duisburg\" width=\"480\" height=\"359\" srcset=\"https:\/\/www.krombusch.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/radiomuseum-duisburg.jpg 480w, https:\/\/www.krombusch.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/radiomuseum-duisburg-300x224.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frohes Fest! 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