{"id":790,"date":"2015-11-22T11:52:23","date_gmt":"2015-11-22T10:52:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.krombusch.de\/?p=790"},"modified":"2021-11-01T12:36:21","modified_gmt":"2021-11-01T11:36:21","slug":"als-der-rhein-einmal-fort-war","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.krombusch.de\/?p=790","title":{"rendered":"Als der Rhein einmal fort war"},"content":{"rendered":"<p><em>Wer d\u00f6send im Bummelzug am romantischen Mittelrhein entlangzuckelt, dem blubbert der Wassergeist unterhalb der Loreley merkw\u00fcrdige Geschichten ins Ohr. Wie diese hier (auf der R\u00fcckkehr von einem Fahrradurlaub).<\/em><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.krombusch.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/rheinschaetze.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-791 alignright\" src=\"https:\/\/www.krombusch.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/rheinschaetze.jpg\" alt=\"rheinschaetze\" width=\"174\" height=\"232\" srcset=\"https:\/\/www.krombusch.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/rheinschaetze.jpg 359w, https:\/\/www.krombusch.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/rheinschaetze-224x300.jpg 224w\" sizes=\"auto, (max-width: 174px) 100vw, 174px\" \/><\/a>Die Morgensonne schickte ihre Speerspitzen gegen seine Nasenspitze. Er grunzte unwillig und begann im Halbschlaf herunterzuz\u00e4hlen: \u00a06 &#8211; 5 &#8211; \u2026 1 &#8211; JETZT. Worauf St. Hubertus zum Dorfe mit kr\u00e4ftigen Kl\u00f6ppel einstimmte und dieselbe Zahlenreihe wieder aufw\u00e4rts z\u00e4hlte: 1 &#8211; 2 &#8211; 3. Mit dem vierten Glockenschlage riss er sich die Bettdecke herunter, auf die 5 folgte &#8211; unter leichtem Schwindelgef\u00fchl &#8211; die athletische Drehung in Sitz- und Aufrecht-Position , mit der 6 dann der H\u00fcftaufschwung mit halber Schraube in den senkrechten Stand. Den Bauch w\u00f6lbend, durchbrachen archaische Presslauten aus seinem tiefsten Inneren die sanfte Unschuld des Schlafzimmers. Er torkelte zum Fenster, wobei ihm das Blut durch die Krampfadern abw\u00e4rts bis in die Zehen schoss und diese an fehlenden \u00a0Pantoffelschutz erinnerte. Schlaftrunken griff er zum Fensterriegel und stie\u00df sich, da seine Aufmerksamkeit ausschlie\u00dflich dem nun auszuf\u00fchrenden Armschwung galt, wie \u00fcblich die dicke Zehe an der Fu\u00dfleiste. Endg\u00fcltig wachger\u00fcttelt vom Schmerz stellte er sich in die k\u00fchle Woge aus Sonnenlicht, um aus klaren Augen auf den alten Vater Rhein zu schauen. Doch der alte Vater Rhein, der seit abertausend Jahren in seinem engen Bett hier am romantischen Mittelrhein schlief, war fort.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Jupp Rheindorf war seit 50 Jahren B\u00fcrgermeister von Kleinrheindorf und hatte schon viele wunderliche Dinge gesehen. Vor allem nach ausufernden Weinfesten. Aber dass der Rhein pl\u00f6tzlich weg war &#8230;<br \/>\nEr st\u00fcrzte im Schlafanzug aus der Wohnung und hastete barfu\u00df entlang der kleinen Kirchmauer von St. Hubertus zum Dorfe hinunter zum Flu\u00df. Besser zu dem, was davon \u00fcbrig geblieben war. Im leeren Sandbett r\u00e4kelten sich nun Sch\u00e4tzte aus Jahrtausenden Menschheitsgeschichte: Verostetet Fahrr\u00e4der, erzbeschlagene Amulette aus dem\u00a0 Nibelungenhort, leere Benzinkanister und Gl\u00fcckspfennige.<\/p>\n<p>Jetzt mal langsam, Jupp! Jedes physikalische Ph\u00e4nomen hat seinen logischen Grund. Er fingerte im Schlafanzug nach dem iPhone und rief seinen Bruder Hennes Rheindorf, den B\u00fcrgermeister von Gro\u00dfrheindorf am Oberrhein an. &#8222;Hennes, hier bei uns in Kleinrheindorf l\u00e4uft die Evolution gerade ziemlich schnell, \u00e4hh&#8230; Habt ihr bei euch noch Wasser im Rhein?&#8220; \u00a0Am anderen Ende st\u00f6hnte jemand. \u201cJupp, hast du gestern zu oft die Weink\u00f6nigin gek\u00fcsst?&#8220; &#8222;Och Hennes, nun bleib sachlich. Mehr als 10 Bier und 2 Schn\u00e4pse waren&#8217;s nicht.\u201c Oder umgekehrt? \u201eEgal, bitte sieh mal nach!&#8220; Jupp h\u00f6rte seinen Bruder langsam fort torkeln, das Quietschen eines sich \u00f6ffnenden und schlie\u00dfenden Fenster, danach wieder nahendes Torkeln. &#8222;Is noch da.\u201c TutTutTut.<\/p>\n<p>Jupp begann an seiner Wahrnehmung zu zweifeln. Hatte ihm gestern jemand was ins Glas gesch\u00fcttet? Vielleicht Drogen? Um sicher zu gehen, w\u00e4hlte er die Nummer der Rheinwarte in K\u00f6ln. &#8222;Hier Standpunkt Kleinrheindorf, Mittelrhein. \u00c4hh, haben Sie auf Rheinkilometer 700 noch Wasser im Fluss? Wir m\u00fcssen von km 500 leider einen Pegel 0 vermelden.&#8220; Am anderen Ende r\u00e4usperte sich jemand: &#8222;Dieser Pegelstand scheint zumindest in ihrem Blut nicht vorzuherrschen. Legen Sie sich wieder ins Bett, Mann!\u201c TutTutTut.<\/p>\n<p>Jupp starrte verdattert auf das Ger\u00e4t, bis ein leises und doch so holdes Wimmern und Wehklagen an sein Ohr drang. Es kam von der langhaarigen Langzeitstudentin, die man schon seit 25 Jahren als liebliche Loreley zangsverpflichtete. &#8222;Wie komme ich nun \u00fcber den Fluss?\u201c, schluchzte sie. \u201eDie versprochene Br\u00fccke hat man nie gebaut und ohne Wasser f\u00e4hrte die stinkende Dieself\u00e4hre nicht. Stattdessen liegt da alles voller Scherben und im Vertrag steht doch, dass ich barfu\u00df auf den Felsen gehen muss.&#8220; Sie weinte bitterlich.<br \/>\nJupp war pl\u00f6tzlich in seinem B\u00fcrgermeisterelement und munterte die Dorfsch\u00f6nheit auf: &#8222;Wir k\u00fcmmern uns. Die Br\u00fccke ist schon unterwegs. Aber bis die Sache gekl\u00e4rt ist, k\u00f6nntest du doch in die Uni nach Rheinstadt gehen. Wir zahlen nat\u00fcrlich die Fahrtkosten.&#8220; Dabei fiel ihm ein, dass Bus- und Bahnverbindung im Dorf seit langem ausgebaut werden sollten. Jetzt w\u00fcrde er sich wirklich k\u00fcmmern m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Jupp telefonierte den Tag \u00fcber wie wild, mit Geologen, Pal\u00e4ontologen, Soziologen, Stadtverordneten. &#8222;Und halten Sie auf jeden Fall die Presse aus dem Spiel: RTL explosiv w\u00fcrde Kleinrheindorf vernichten. Kein Tourist k\u00e4me mehr zum romantischen Mittelrhein.&#8220; Zu sp\u00e4t, drau\u00dfen fuhren schon die Kamerawagen von RTL explosiv vor. Wie erwartet stellte man die Schuldfrage: F\u00fcr die Gr\u00fcnen war die Klimaerw\u00e4rmung, der vaterl\u00e4ndische Gesangsverein vermutete Flussnapping durch die zwei im Dorf lebenden Ausl\u00e4nder, f\u00fcr die Konservativen lagen die Wurzeln aller Katastrophen in den Altlasten der kommuninisten Landesregierung unter Johannes Rau.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ergab das wissenschaftliches Gutachten ein paar Tage sp\u00e4ter, dass sich unter dem Rhein an km 500 eine fr\u00fchzeitliche Schieferplatte gel\u00f6st hatte und der Fluss deshalb auf einer Strecke von 5 km unterirdisch weiterfloss. Und das gerade am Fu\u00dfe des ber\u00fchmtesten Felsen im Mittelrhein!<br \/>\nJupp leitete die Aufr\u00e4umarbeiten am Flussbett ein und im Dorf entstand, aus der Not geboren, die lange geplante wirtschaftliche Infrastruktur mit Bussen, Bahnen und einer wissetschaftlichen Bibliothek.<\/p>\n<p>Doch fra\u00dfen die Ma\u00dfnahmen ein gro\u00dfes Loch in die Dorfkasse, so dass Jupp im Nachbarort Mittelrheindorf beim Malte, der was mit Medien machte, um Hilfe bat. Medienmensch Malte sah sofort das gro\u00dfe touristische Event: So ein stiller Rheinarm, das m\u00fcsse man auskosten, mit gro\u00dfem Feuerwerk, Riesenparty, Alles in Flammen, und am Schluss st\u00e4che ein 30 Meter hoher Plastikneptun mit einem gigantischen Dreizack in einen Phosphorballon, und es w\u00fcrden Gummis und Alkopops in allen Farben des Regenbogens auf die jubelnde Menge regnen.<\/p>\n<p>&#8222;Aber Vorsicht!\u201c, gemahnte die langhaarige Langzeitstudentin, die Jupp nicht zuletzt aufgrund ihrer optisch vortretenden Medientauglichkeit in den Planungsstab berufen hatte. \u201eWir haben in der Vorlesung gelernt, dass durch gro\u00dfe Feste Eruptionen entstehen und sich damit durch die Bodenwellen vielleicht sogar Schieferplatten verschieben k\u00f6nnen. Und pl\u00f6tzlich haben alle G\u00e4ste einen nassen Hintern.\u201c<\/p>\n<p>Jupp jedoch, wie Medienmensch Malte kein Anh\u00e4nger wissenschaftlicher Vortr\u00e4ge, sah nur die wirtschaftliche Rettung. Wohlan, Scherben waren beseitigt und Tr\u00e4nen versiegt. So veranstalteten Jupp und Malte das gigantische Spektakel, mit Touristenbussen, Woodstock-Feeling und einem eigenen Youtube-Channel.<br \/>\nUnd dann um Mitterncht geschah es: Nachdem DJ Dr\u00f6hn und Dr. Donner die 50000-Watt-Anlage bis zum Anschlag aufgedreht hatten, sackte eine riesige Schallwelle durch das trockende Flussbett, traf auf die verschobene Schieferplatte und drehte sie in ihre Ausgangsposition, wodurch sie das unterirdische Rheinloch wieder verschloss. Und das Wasser kam mit aller Gewalt zur\u00fcck und sp\u00fclte den ganzen M\u00fcll, die Gummis, Alkopos und Grillroste,\u00a0 fort Richtung K\u00f6ln.<\/p>\n<p>Nur an ein paar Japanern, die das Naturschauspiel aus n\u00e4chster N\u00e4he mit der Nikon festhalten wollten, musste Jupp am n\u00e4chsten Tag vorbeikondolieren. Und als er in der Abendsonne von der Kirchenmauer an St. Hubertus auf den alten m\u00fcden Strom hinabblickte, sprach Jupp voll Dankbarkeit: &#8222;Nun ham mer dech widder, Vatter Rhein! Und dazu noch een sch\u00f6n Infrastruktur. Und den janzen Dreck w\u00fcrden die D\u00f6rfer ohne dich doch nie fott bekomme.&#8220;<\/p>\n<p><em>(Oder was glaubt ihr, wie das ganze Zeug nach K\u00f6ln kommt: <a href=\"http:\/\/www.ksta.de\/koeln\/was-das-niedrigwasser-in-koeln-ans-licht-bringt-sote,15187530,32430856.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">K\u00f6lner Stadtanzeiger vom 16.11.2015<\/a>)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer d\u00f6send im Bummelzug am romantischen Mittelrhein entlangzuckelt, dem blubbert der Wassergeist unterhalb der Loreley merkw\u00fcrdige Geschichten ins Ohr. 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