{"id":603,"date":"2014-07-13T12:26:00","date_gmt":"2014-07-13T10:26:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.krombusch.de\/?p=603"},"modified":"2021-11-01T12:36:39","modified_gmt":"2021-11-01T11:36:39","slug":"ger-vs-arg-das-buch-der-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.krombusch.de\/?p=603","title":{"rendered":"Ger vs Arg: Das Buch der Geschichte"},"content":{"rendered":"<p>1986 war ich 11 Jahre alt. Als Kind hatte man nat\u00fcrlich einen (oder mehrere) Lieblingsspieler und (mindestens) ein Trikot seiner Lieblingsmannschaft. Das bestand damals aus solidem Stoff mit B\u00fcndchen am Handgelenk, damit auch kein Schwei\u00df heraus- oder ein Insekt hineinlief. R\u00fcckennummern waren bereits aufgen\u00e4ht, Spielernamen \u00fcber selbigen fehlten noch. Die echten Namen \u00fcbrigens; Comics wie \u201eHulk\u201c h\u00e4tte der stets um die Erziehung der Jugend bem\u00fchte DFB bestimmt verboten. Heute hingegen d\u00fcrfte sich ein Dieter Hoene\u00df den \u201eGlatzenk\u00f6nig\u201c aufdrucken lassen.<br \/>\nIn meiner Erinnerung gab es auf den Bolzpl\u00e4tzen der \u201980er keine Messis, Ronald- oder Ronaldinhos. Die Globalisierung hatte die D\u00f6rfer Deutschlands noch nicht erreicht. Doch jede WM gebar ihren Star und das war 1986 zweifelsohne Diego Armando Maradona. Der kleine Wuschelkopf war vom gro\u00dfen Menotti acht Jahre zuvor bei der WM im eigenen Land nicht ber\u00fccksichtigt worden, so hier der Star Mario Kempes. 1982 lie\u00df es Maradona dann krachen, aber auf sehr unr\u00fchmliche Weise: Ein Tritt mit den Stollen voraus auf den Oberschenkel seines brasilianischen Gegenspielers brachte ihm statt Ruhm Rot.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nBei der WM in Mexiko habe ich den ber\u00fchmten Argentinier dann erstmals \u201elive\u201c im Fernsehen gesehen (vier Jahre fr\u00fcher war man als Ferien-Kind noch auf die Spielwiederholung im Morgenprogramm von ARD\/ZDF angewiesen). Und nach seinem epochalen Auftritt gegen die Engl\u00e4nder (Hand Gottes und das Solo mit von der Mittellinie) ward zum Endspiel nun endg\u00fcltig das Buch der Geschichte aufgeschlagen. Am Tage des Herrn versammelten sich die Familien (so neu ist das \u201eRudelgucken\u201c gar nicht) unter dem gr\u00f6\u00dften Carport der Nachbarschaft. Fernseher in Holzrahmen statt Beamer auf Beistelltisch. Und darin dieser Hexenkessel Aztekenstadion, in dem die argentinischen Fans bis \u00fcber die Br\u00fcstung hingen. Im Gegensatz dazu der eher gl\u00fcckliche Trunierweg der deutschen Mannschaft: Man wu\u00dfte irgendwie schon, was passieren w\u00fcrde. Und nach den zwei Standards zum zwischenzeitlichen Ausgleich spielte nat\u00fcrlich Maradona diesen einen t\u00f6dlichen Pass, den er vier Jahre sp\u00e4ter &#8211; wieder gegen Brasilien &#8211; noch einmal wiederholen sollte: Die L\u00fccke sehen, wo keine ist, den startenden Mitspieler, dem nur dem Laufweg des Balles den Weg zum Tor folgen muss, nicht umgekehrt. Deutschland war geschlagen. Unter dem Carport lange Gesichter, im Fernseher kurze Siegerehrung, jeder klappt seinen Campingstuhl zusammen, dann nach Hause ins Bett.<\/p>\n<p>Anders 1990. Die Deutschen hatten sich ein packendes Match mit England geliefert: Beim Elfmeterschie\u00dfen konnte Illgner dann wenigstens einmal nicht rechtzeitig in die falsche Ecke springen, der n\u00e4chste Brite schoss aus Wut mit aller Wucht dann gleich \u00fcber die Latte. Auch Argentinien war mehr schlecht als recht durchs Elferschie\u00dfen ins Finale gestolpert. Bemerkenswert an deren Halbfinale war, dass die Zuschauer in Italia nicht ihrer heimischen Mannschaft mit Star Salvatore Schillaci zujubelten, sondern (das Spiel fand ich Maradonas \u201eHeimat\u201c Neapel statt) dem Team der Argentinier. So dr\u00fcckte der bereits dickliche Weltfu\u00dfballer dem gr\u00f6\u00dften Turnier der Welt letztmalig seinen Stempel auf, denn im Finale fehlte ihm jegliche M\u00f6glichkeit dazu. Ein vergleichsweise \u00fcbrigens eher langweiliges Spiel mit einer \u00fcberlegenen deutschen Mannschaft, einem Elfmeter, der nicht gegeben wurde, keinem Elfmeter, der gegeben wurde, einem mehrfach \u00fcber den Rasen purzelnden Klinsmann und zum Schluss zwei roten Karten. Wir haben das Spiel schon auf Leinwand geschaut, pikanterweise in Holland. Die Niederl\u00e4nder waren gegen ein \u00fcberragendes Deutschland im Achtelfinale ausgeschieden und entschieden sich deshalb aus Rache, die erste Halbzeit lang auf holl\u00e4ndisch zu \u00fcbertragen. Macht der Ikonen am Ende: Der still wandelnde Beckenbauer als Kontrast zum still weinenden Maradona. Wieder wurde Geschichte geschrieben.<\/p>\n<p>Maradona war dann zwischenzeitlich ganz unten, hatte viel mit verbotenen Substanzen zu tun, wurde von seinem letzten Turnier 1994 ausgeschlossen. Konnte auch als Trainer nicht mehr brillieren, man denke an das argentinische Chaos im Viertelfinale der WM 2010. Seine politischen Statements, die er gerne und ungefragt raustwittert, sind eher frag- als erinnerungsw\u00fcrdig. Das Buch der Geschichte hat sich f\u00fcr ihn l\u00e4ngst wieder geschlossen. Trotzdem, trotz aller Zidannes und Co., bleibt er mein Fu\u00dfballstar. Einfach, weil er zur richtigen Zeit den richtigen Fu\u00dfball gespielt hat.<\/p>\n<p>Und heute Abend? F\u00fcr wie viele 11j\u00e4hre &#8211; auch in Deutschland &#8211; ist Messi DER Fu\u00dfballer ihrer Kindheit. Wie viele Barca-Trikots sehe ich t\u00e4glich zwischen Rheinpark und Poller Wiesen? Messi hat fast alles erreicht von nationalen Cups bis zum Gewinn der Championsleague, aber der eine Pokal, der Weltpokal fehlt ihm noch. Das Buch der Geschichte hat sich wieder ge\u00f6ffnet. Und wenn heute Abend Argentinien ein Tor mehr macht als Deutschland &#8211; was alle G\u00f6tter verh\u00fcten m\u00f6gen &#8211; dann wird Messi auf irgendeine geniale Weise daran beteiligt sein.<br \/>\nDoch wird das, kann das \u00fcberhaupt passieren? Aufgrund der geschlossenen, stets soliden Mannschaftsleistung des deutschen Teams eher nicht. Sofern Jogis Jungs die nach dem 7:1 wohl unweigerlich aufkommende Siegesgewissheit wegzublenden in der Lage sind. Da steht heute ein ganz anderer Gegner in einem ganz anderen Spiel unter ganz anderen Voraussetzungen da. Aber es ist mehr als nur eine Chance: Es ist eine sichere Chance. Es w\u00e4re an der Zeit. Komm, Deutschland, ihr packt das! Tragt euch selber ein.<\/p>\n<p>P.S.: Ich lasse diesen Beitrag so stehen, egal was am Ende dieses Tages, am 13. Juli 2014,\u00a0 passiert sein wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1986 war ich 11 Jahre alt. 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